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Fröhlich verweifeltes Feuerwerk der offenen Gesellschaft

Der Kampf gegen die alte Liturgie hat uns zu größeren Einsichten in ihre Natur verholfen.

Denn es ist der große, gleichsam angeborene Mangel liberaler Gesellschaften, daß sie keinen greifbaren, die Leiden und Ängste der Menschen rechtfertigenden Lebenssinn vermitteln. Auch halten sie keinen mobilisierenden Zukunftsprospekt bereit und werfen den Einzelnen auf lediglich das zurück, was er als individuelle Erfüllung begreift.

Jene Postmoderne, die das Lebensgefühl der fortgeschrittenen Industriegesellschaften ausmacht, ist im Grunde nichts anderes als der wiewohl verzerrte Ausdruck der auf den eigenen Begriff gekommenen, ihm jedenfalls nahegerückten offenen Gesellschaft: eine Welt, in der auch die moralischen Horizonte offen sind, wo alles geht und das heißt zugleich, nichts wirklich wichtig ist; in der die Laune über die Norm triumphiert und eine Generation von Erben mit dem Vermächtnis mühsam erworbener Prinzipien ein fröhlich-verzweifeltes Feuerwerk veranstaltet, dessen Glut die Reichtümer wie die Wahrheiten dahinschmelzen läßt.

(Joachim Fest, Die schwierige Freiheit – Über die offene Flanke der offenen Gesellschaft, Berlin 1993, 31)

Muschalek: Der nicht abzuschaffende Zusammenhang von Kult und Kultur)

Noch in ganz anderer Weise ist es verwunderlich, daß der Mensch unserer Zeit unsicher in seiner Einschätzung des Kultes geworden ist. Im Kult geht es ja um das rechte Verhältnis des Menschen zur Welt, um die Aneignung der Welt, … In ihrem Ursprung haben Kult und Kultur mit dem Pflegen, Erschließen, Aneignen der Natur zu tun. Der Mensch steht nicht in der Welt, wie ein Buch im Bücherschrank steht. Er fühlt sich ihr ausgesetzt, fühlt sich fremd in ihr, erfährt die „Sorge“ in seiner Beziehung zur Welt.

Dieses eigentümlich Menschliche in seinem Ausgesetztsein in die Welt ist heute überdeckt nicht nur von dem unbedenklichen Zugriff technischen Veränderns, sondern auch von dem, was uns sehr beschäftigt: die Ähnlichkeit unseres Verhaltens mit dem der Tiere in ihrer Welt. Daß wir das Eigene des Menschen in bezug auf die Welt nicht aushalten, sondern uns in die Tierwelt flüchten, steht in genauer Parallele zur Abwendung vom Kult (und schließlich von der Kultur) … Die schwere Aufgabe, die Welt sich zu erschließen und in ihr heimisch zu werden, verlangt, wie van der Leeuw darstellt, ein festes Benehmen, und das Benehmen wird zu einem geregelten Begehen. Der Ritus entsteht.

(Georg Muschalek, Kult, Kultur und christliche Liturgie, Tübingen 1988, 14-15)

Mosebach: Liturgie ist Kunst

Man erinnere sich nur, welche Bedeutung die katholische Liturgie für das Werk eines James Joyce besaß. Joyce hat wahrlich keine Sympathien für die Kirche gehegt, und sein Roman Ulysses, eines der größten Werke der neuen Literatur, mag für manche Katholiken einen fast unerträglich lästigen Charakter besitzen.

Aber wenn es in diesem Werk ein fühlbares ästhetisches Gerüst, eine letzte kulturelle Instanz gibt, dann ist das die alte lateinische Messe, deren Ritus und deren Sprache den wüsten Sprachwucherungen eine Art Halt geben. Der Ulysses beginnt mit dem Psalm Judica, dem Stufengebet der alten Messe.
Liturgische Spuren sind allgegenwärtig in diesem Werk, aber besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der der jüdische Held des Romans, Leopold Bloom, voll Spott und Distanz einer Messe beiwohnt, und gegen seinen Willen einen gewissen Respekt für das, was er da sieht, nicht unterdrücken kann.

Joyce hätte sich nie vorstellen können, daß er einen tödlich gefährdeten Kult beschrieb; für ihn war die Messe etwas Unveränderbares, Objektives, eine fast schon Natur gewordene Institution, die man befehden konnte, weil man im Geheimen wußte, daß sie unzerstörbar war. Ohne die alte Liturgie hätte Ulysses niemals geschrieben werden können – hier spürt man die große kulturelle Schöpferkraft der Liturgie: selbst ihre Gegner konnten sich nicht aus ihrem Schatten lösen, sondern zehrten von ihrer ästhetischen Substanz.

Niemals wird die reformierte Liturgie und das, was sie schmückend hervorbringt, zu einer kulturellen Grundtatsache im Leben der Völker werden können, dazu ist sie zu blaß, zu künstlich, zu wenig religiös, zu formlos. Auf der anderen Seite ist die alte Liturgie für die furchtbare Belastungsprobe, der sie ausgesetzt ist, nicht so schlecht gerüstet, wie es uns beim Anblick der täglichen Misere oft erscheinen mag.

Der Kampf gegen die alte Liturgie hat uns zu größeren Einsichten in ihre Natur verholfen. Zunächst mußte man es fast als Todesstoß empfinden, als die Liturgie aus den herrlichen alten Kirchen, die für sie geschaffen waren, vertrieben wurde. Aber dann sah man, daß es die Kirchen waren, die starben, wenn der sakrale Geist aus ihnen schwand – die Liturgie lebte in den kümmerlichsten Umgebungen weiter. Sie ist es ja, die alle Festlichkeit hervorbringt – die Kunst kann ihr wesentlich nichts hinzufügen. Ein Dompfarrer, stellte mir deutlich gereizt einmal die Frage, wozu ich denn in die alte Messe gehen wolle – im Dom gebe es doch hin und wieder sehr aufwendige Orchestermessen. Es war ihm nicht begreiflich zu machen, daß eine stille Messe nach dem alten Ritus in einer Garage gelesen festlicher ist als das größte Kirchenkonzert mit geistlicher Garnierung.

Was wir in einer Zeit ohne heilige Bilder, ohne heilige Räume, ohne heilige Musik begriffen haben, das ist, daß die alte Liturgie selbst das allergrößte Bild ist, und daß, sollte es überhaupt noch einmal eine bedeutungsvolle religiöse Kunst geben, diese Kunst aus der alten Liturgie hervorgehen wird.

(Martin Mosebach, Häresie der Formlosigkeit – Die römische Liturgie und ihr Feind, Wien 2002, 116-117)

 

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