Couch oder Beichtstuhl?
Couch oder Beichtstuhl?
Das außerordentlich Seltsame geschieht, daß unterschwellig das Bedürfnis da ist, den Gottesdienst mit psychoanalytischen Kategorien aufzuwerten.
In einer besonderen Weise hat sich die Frage nach Heilung, nach Therapie in der Frage zugespitzt: Couch oder Beichtstuhl? Auch hier geht es ja (was man oft vergißt) um einen Gottesdienst, um eine Gestalt der Liturgie. Soll sie ersetzt werden durch das, was man seit Freud Psychoanalyse nennt? Hier scheinen die Fronten klar zu sein: Vertrauen auf Gott auf der einen Seite, Vertrauen auf eine Methode (und auf einen Therapeuten) auf der anderen. Hier Reue und Vergebung, dort Analyse und ein Warten auf die Auflösung der Konflikte. Freilich ist der Kampfruf „Couch oder Beichtstuhl" schon wieder etwas älteren Datums. In unserer unmittelbaren Gegenwart ist die gegenteilige Bemühung deutlicher. Man möchte zeigen, daß auch der Gottesdienst jene so heiß begehrte Funktion ausübt, die den Menschen von Leiden befreit: das Heilen. So kann man zum Beispiel lesen, daß die Meßfeier, das Abendmahl als „Wiederholung“ und Repräsentation des Passahereignisses eigentlich den Freudschen Dreischritt darbietet: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten.
Das außerordentlich Seltsame geschieht, daß unterschwellig das Bedürfnis da ist, den Gottesdienst mit psychoanalytischen Kategorien aufzuwerten. Nicht, daß die Freudschen Entdeckungen nicht genial wären, so daß sie an ihrem Platz unverzichtbar sind. Und es ist auch sicher richtig, daß es sich hier um uralte Weisen des heilenden Umgangs des Menschen mit sich selbst handelt, also auch in irgendeiner Weise im Gottesdienst anwesend sein müssen. Nur: ist damit der heilende Charakter des Gottesdienstes erreicht, oder hat man damit das Zentrum verlassen zugunsten eines Vorgangs im Menschen, der sich zwar in Gottesdienst und Psychotherapie vollzieht, aber doch eingebettet in zwei grundverschiedene Welten? (Daß diese beiden Welten einander brauchen, auf einander angewiesen sind, wäre eine eigene Betrachtung wert; trotzdem - und gerade deswegen - bleiben sie so verschieden wie etwa Technik und Gebet.)
(Muschalek Georg, Kult, Kultur und christ-liche Liturgie, Tübingen 1988, 60-61)

