Predigt von Mgr. Bernard Fellay, gehalten am 3. September 1995 zum Fest des hl. Pius X.
Predigt von Mgr. Bernard Fellay, gehalten am 3. September 1995 zum Fest des hl. Pius X.
Zum 10 jährigen Jubiläum des Priorates Basel
Predigt von Mgr. Bernard Fellay, gehalten am 3. September 1995 zum Fest des hl. Pius X.:
Meine lieben Mitbrüder, liebe Gläubige,
Am heutigen Patronatsfest unseres Patrons der Priesterbruderschaft, des heiligen Papstes Pius X., dürfen wir zugleich ein Jubiläum feiern: Seit 10 Jahren besteht hier in Basel unser Priorat St. Theresia vom Kinde Jesu. Sicher könnte man fragen: Warum dieses Fest feiern? Warum ganz besonders dieses Fest l0 Jahre nach der Gründung des Priorates, wenn wir bedenken, dass diese Kapelle eigentlich länger als 10 Jahre besteht. Die Tradition, dieser Widerstand gegen die Zerstörung der Kirche besteht noch viel länger. Warum also ausgerechnet dieses Fest, dieses Jubiläum? Ein Jubiläum gibt uns zu allererst die Möglichkeit, die Dankespflicht zu erfüllen, und wir sagen Dank zuerst dem Lieben Gott für Seine Gaben. Ein Priorat gewährt ganz besondere Gaben, die es bei einer Kapelle nicht gibt. Würde man einen Vergleich ziehen zwischen einer Kapelle an einem Ort, wo die hl. Messe einmal in der Woche, vielleicht zweimal gelesen wird, wo vielleicht sogar der Katechismusunterricht erteilt wird, ab und zu Beicht gehört wird, und einem Priorat, so gibt es ungefähr denselben Unterschied wie zwischen einem Wasserreservoir und einem Fluss. Das Wasser ist da, das Allerheiligste ist da, auch in der Kapelle, nur der Zugang zum Wasser ist nicht frei. Wenn dieses Beispiel ein bisschen zu stark zu sein scheint, dann vielleicht ein anderes: Der Unterschied zwischen einem bleichen, nebeligen Winter-tag, an dem man schon etwas vom Licht, von der Sonne bemerkt und einem Sonnenstrahl, der die Erde tief einprägt an einem hellen Sonnentag. Was macht also den Unterschied: Der Priester. Der Prie-ster ist wir möchten fast sagen: „Gott ist mitten unter uns". Aber Jesus ist doch Gott! Und Jesus ist, wie gesagt, im Tabernakel gegenwärtig. Doch ganz merkwürdigerweise verlangt der Liebe Gott die Anwesenheit eines Werkzeuges, um den unmittelbaren Kontakt zwischen Ihm, Gott, und der Seele zu verwirklichen. Ist eine Kapelle da und kommt der Priester ab und zu vorbei, so ist das Notwendige da zum Überleben, aber noch nicht zum Aufblühen. Die einzelnen Seelen können damit weiterleben in dieser schwierigen Zeit. Die Gemeinschaft, sagen wir dieser Beginn der Christenheit, diese Ausstrahlung des christlichen Geistes bis in die Gemeinschaft hinein erfolgt noch nicht. Diese Erfahrung haben wir überall gemacht, meine lieben Gläubigen. Überall wo wir Kapellen haben und überall wo wir Priorate haben, ist der Unterschied klar ersichtlich, ganz klar. O ja, bei einer solchen Gelegenheit des zehnjährigen Bestehens eines Priorates haben wir Gott zu danken; Gott zu danken dafür, dass er uns Priester geschenkt hat. Sicher spielen die persönlichen Eigenschaften, die Qualitäten, die Talente eines jeden Einzelnen eine gewisse Rolle, aber wesentlich sind sie nicht. Entscheidend ist das Wesen des Priestertums, wesentlich ist diese übernatürliche Eigenschaft, die wir im Priester finden: ein anderer Christus zu sein. Christus lebt in ihm weiter, die Tür zum Himmel, die Tür zu den himmlischen Gaben und Gnaden ist so geöffnet. Diese fliessen durch den Priester den Menschen zu. Und je mehr der Priester einfach Priester ist und als Priester lebt, nach den Aufforderungen seines Standes und nicht bloss als Mensch, um so stabiler und dauerhafter das Werk!
Die Zeit die wir miterlebt haben, diese Zeit der Krise der Kirche, in der wir den Zerfall der Kirche mit ansehen, gerade in dieser Zeit sehen wir diese Kapelle gedeihen und aufblühen. Haben wir besondere Geheimnisse dafür? Sonderarzneien? Nein! Wir befolgen einfach das, was unsere hl. Mutter, die Kirche, immer getan hat. Und diese Jahre sind für uns wie ein Zeugnis davon, was zu tun ist, damit die ganze Kirche wieder aufblühe, und es ist sehr einfach. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, nichts Neues zu erfinden. Es genügt, das zu tun, das zu glauben, das weiter zu führen und weiter zu geben, was die Kirche immer gelehrt, geglaubt und getan hat. Die Menschen sind immer Menschen. Ob zur Zeit unseres Herrn Jesus Christus, ob zur Zeit Adams oder heute ist ein Menschenherz immer ein Menschenherz. Das Gute ist immer noch das Gute und das Übel und die Sünde sind immer noch Übel und Sünde. Und die Mittel, sich davon zu befreien, haben sich nicht geändert. Welch ein Trost, meine lieben Gläubigen, zu sehen, dass auch in diesen harten Zeiten der Liebe Gott zugegen ist. Immer bereit, das weiter zu führen, was er bis jetzt in der Kirche gewirkt hat. Das ist ein wahrer Trost.
Es ist aber auch eine Warnung. Wenn nämlich alles gut geht wenn etwas aufblüht, dann ist man sehr leicht mit der Situation zufrieden. O ja, wir dürfen uns freuen über diese Lage, aber schlafen, sich eine Pause, eine Ruhepause gönnen, das dürfen wir nicht! Darf ich es sagen, eine harte Zeit steht uns sowohl in der Kirche, als auch in der Gesellschaft bevor. Das, was wir bis jetzt miterlebt haben, ist wie ein Mückenstich im Vergleich mit einem echten Krieg. Wir sehen, sei es in der Gesellschaft sei es in der Kirche - mitten in der Kirche - zerstörerische Grundsätze. Und wenn nichts geschieht, dann wird die Zerstörung, die Selbstzerstörung erfolgen. Wir kennen die Verheissung über die Kirche: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“ Wir wissen das und wir halten daran fest. Aber menschlich gesehen und solange der Liebe Gott nicht eingreift, geht die Zerstörung weiter. Wir stehen vor der Anarchie, einer mehr oder weniger totalen Anarchie, einer Unordnung. Wo ist noch der Gehorsam, sei es in bezug auf die Sitten oder auf den Glauben? Diese Unterwerfung des menschlichen Geistes unter die Wahrheiten, die Gott uns geschenkt hat und die unser Vermögen völlig übersteigt. Schauen Sie, wie die modernen Theologen zum Beispiel die Hl. Schrift behandeln. Sie gehen mit einer Schere an sie heran und schneiden alles ab, was ihnen nicht gefällt; hauptsächlich die Wunder, alles, was eigentlich die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus beweist.
Wir dürfen nicht schlafen, meine lieben Gläubigen. Im Gegenteil, ein solches Fest ist eine gute Gelegenheit, ein bisschen in die Zukunft zu blicken. Und ohne besondere Angst vor dieser Zukunft dürfen wir uns wohl aufmuntern lassen, ein christliches Leben immer tiefer zu führen, uns immer besser den Grundsätzen des christlichen Lebens anzunähern. Genau das, was beim Priester geschieht soll auch in jedem christlichen Leben geschehen. Der Priester wirkt indem er sich seinem Heiland nähert, indem er versucht, seinen Heiland nachzuahmen, ganz besonders in dieser Haupttat wofür er eigentlich geweiht wurde: Die hl. Messe, das hl. Opfer. Der Priester ist Priester und Opfer; vom Priester wird der Geist des Opfers verlangt. Das ist wahr für den Priester, das ist ebenso wahr für alle Gläubigen. Ohne Zweifel ist es so. Wenn die Kirche sich heute in einem so traurigen Zustand befindet, so vor allem wegen des Verlustes dieses Grundsatzes, zunächst bei den Priestern und dann bei den Laien. Wenn wir vom Kreuz oder Opfer sprechen, dann sind damit nicht ausserordentliche Anforderungen gemeint, nein! Gemeint ist diese ganz einfache, demütige Erfüllung der Standespflicht, der täglichen Standespflicht. Diese Treue in den allerkleinsten Dingen des Tages, worin wir Gott beweisen, dass wir Ihn lieben, lieben über alles und ganz besonders mehr als uns selbst. Sind wir im Kleinen treu, so dürfen wir auch in grossen Dingen mit Seiner Gnade rechnen.
Meine lieben Gläubigen, am Fest des hl. Pius X. wollen wir zum Schluss einen Blick auf diesen hl. Papst werfen. Wer war der hl. Pius X.? Wenn wir sein Leben, sein Pontifikat betrachten, finden wir fast überall das Kreuz. Eine ernste, sehr harte Zeit innerhalb der Kirche hinsichtlich des Modernismus, ausserhalb der Kirche, zum Beispiel in Frankreich hinsichtlich der Enteignung allen kirchlichen Besitzes. Das sind schreckliche Geschehnisse. Man sieht nicht hervorragende Erfolge, man sieht einen Papst, der sein Amt treu ausübt einen Papst voll des Glaubens, der die göttliche Liebe ausstrahlte. Durch diese Kreuze und Misserfolge wurde er heilig; und so hat die Kirche die harte Zeit diese harten Krisen am Anfang dieses Jahrhunderts überstanden. Die Grundsätze sind immer dieselben: Gott ist da, er ist mit uns. Gehen wir zu Ihm, erflehen wir von Ihm Priester, noch viel mehr Priester, heilige Priester und für uns alle die Treue im Glauben, im katholischen Glauben, Treue zu allen katholischen Grundsätzen, zur hl. Messe. Und so dürfen wir uns wieder treffen in 15 Jahren, um Gott für allen Segen, alle geistigen Geschenke, das Heil so vieler Seelen aufs neue danken zu dürfen. Amen.
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des hl. Geistes, Amen.

